Niedersachen klar Logo

Gerichtliche Verhandlungssimulation

 
 

Gerichtliche Verhandlungssimulation - Intervisionsfortbildung für Proberichter/-innen in Kooperation mit der Juristischen Fakultät der Georg-August-Universität Göttingen

Seit Oktober 2017 ist im Rahmen der Umsetzung des Konzepts zur Personalentwicklung von Proberichterinnen und Proberichtern am Landgericht Göttingen eine neu konzipierte fakultative Fortbildungsreihe „Gerichtliche Verhandlungssimulation - Intervisionsfortbildung für Proberichter/-innen“ ins Leben gerufen worden. In Kooperation mit der Juristischen Fakultät der Georg-August-Universität Göttingen wird diese Veranstaltung gleichzeitig als Allgemeine Schlüsselqualifikation für Studierende der Rechtswissenschaften angeboten. Da diese Veranstaltung mit großem Interesse wahrgenommen wird, werden in Absprache mit der Staatsanwaltschaft Göttingen seit Oktober 2018 auch Probestaatsanwältinnen und Probestaatsanwälte zu dieser Veranstaltung eingeladen. Auch wird in Aussicht genommen, die Veranstaltung für Referendarinnen und Referendare zu öffnen.

Im zweimonatigen Turnus simulieren Proberichterinnen und Proberichter zusammen mit seit Kurzem auf Lebenszeit ernannten Richterinnen und Richtern, mit Probestaatsanwältinnen und Probestaatsanwälten sowie mit Jura-Studierenden in Rollenspielen im Gerichtslabor der Juristischen Fakultät der Universität Göttingen konfliktträchtige Verhandlungssituationen aus dem Straf- und Zivilrecht, die digital aufgezeichnet werden. Je nach Wunsch kann im Rahmen dieser Fortbildungsreihe jeder Proberichterin und jedem Proberichter während ihrer/seiner Probezeit sowie auch den teilnehmenden jung verplanten Richterinnen und Richtern die Gelegenheit geboten werden, eine Verhandlung zu leiten. Die Verhandlungssituation und die Rollen werden nach im gerichtlichen Alltag konkret erlebten Situationen konzipiert; alle Teilnehmenden erhalten ein paar Tage vor der Verhandlung einen Aktenauszug per E-Mail, um sich wie in der Realität kurz auf die Verhandlung vorbereiten zu können.

In einem sich jeweils an das Rollenspiel anschließenden Feedback nach den Grundsätzen der Gruppenintervision werden unter jeweils fachlicher Unterstützung einer erfahrenen Richterin bzw. eines erfahrenen Richters, des „Fachcoaches“, einzelne Facetten der Verhandlung beleuchtet. So kann nicht nur von den beobachtenden, sondern auch von den die Prozessbeteiligten verkörpernden Teilnehmenden ein hautnahes Bild über Wirkungsweise und Verhandlungsgeschick der Richterin / des Richters vermittelt werden. Unter dem Mantel der Vertraulichkeit und in wertschätzender Atmosphäre gewinnen alle Teilnehmenden auf diese Weise auf Augenhöhe einen tiefen Einblick in Kommunikationsmechanismen und die Dynamik einer komplexen Verhandlungssituation, immer unter Berücksichtigung der von der jeweiligen Prozessordnung vorgehaltenen Mittel. In diesem Rahmen hat ein/-e Richter/-in die Gelegenheit, bestimmte Strategien bzw. Verhaltensweisen zu erproben und unmittelbar im Anschluss daran im Rahmen der Gruppenintervision von den Erfahrungen der Kolleginnen und Kollegen zu profitieren und aus dem Feedback die Kommentare auszuwählen, die sie/ihn in ihrer/seiner individuellen Persönlichkeit auf dem Weg weiter bringen und als Hilfe angesehen werden, die jeweiligen Stärken und Potenziale und die Art und Weise ihres effektivsten Einsatzes in der Verhandlung einzuschätzen. Besonders hervorzuheben sind auch die Sichtweisen der erfahrenen Richterinnen und Richter, die jüngeren Kolleginnen und Kollegen aus ihrem reichhaltigen Erfahrungsschatz zahlreiche Optionen für den Umgang mit schwierigen Verhandlungssituationen anbieten können.

Die digitale Aufzeichnung der Verhandlungssituation, auf der mit einer Zwei-Kamera-Einstellung nicht nur die Richterperson, sondern auch die Aktionen und Reaktionen der Prozessbeteiligten zu sehen sind, wird der Richterin/dem Richter im Anschluss ausgehändigt. Sie/Er erhält die Gelegenheit, im Anschluss an die Veranstaltung eine Einzelintervision mit dem „Fachcoach“ zusammen in Anspruch zu nehmen, im Rahmen derer in einem Vier-Augen-Gespräch - ggf. auch unter Heranziehung der digitalen Aufnahme - einzelne Aspekte der Verhandlungssituation besprochen werden können.

Das Verhandlungsgeschick, der Ideenreichtum und nicht zuletzt auch die schauspielerischen Fähigkeiten der jungen Kolleginnen und Kollegen sind beispielhaft. Einen großen Gewinn stellt auch die Teilnahme von Studierenden dar, die mit Engagement und guter Rhetorik gerne Rollen übernehmen und damit - neben ergänzend gehaltenen Kurzreferaten zu straf- und zivilprozessualen Themen in gesonderten Terminen - praktische Erfahrung in Straf- und Zivilverhandlungen sammeln. Die Studierenden tragen zudem zu einem für alle Teilnehmenden gewinnbringenden Austausch über interessante, wichtige Aspekte bei; hierzu seien beispielsweise Fragestellungen „Wie wirken Richterinnen und Richter auf Beteiligte und Außenstehende?“ oder „Was erwarten und verstehen Bürgerinnen und Bürger von Gerichtsverhandlungen?“ genannt. Eine Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Sichtweisen, Anregungen wie auch kritischen Anmerkungen lohnt sich schon allein im Hinblick darauf, die Justiz in Bürgernähe zu halten.

Sinn und Zweck dieser Veranstaltung ist ein möglichst breiter Erkenntnisgewinn, aber nicht nur. Ziel ist es auch, eine neue Tür für die Nachwuchsgewinnung zu öffnen. Gemeinsames Agieren soll bei Studierenden sowie Referendarinnen und Referendaren Interesse und Begeisterung für die Justiz wecken. Es zeichnet sich bereits jetzt ab, dass dies mit der neu konzipierten Veranstaltung gelingen wird. Die Veranstaltung macht, wie die bisherigen Durchgänge gezeigt haben, den Teilnehmenden Spaß. Herzhaftes Lachen und gemeinsame Freude ist angesagt, wenn in den Verhandlungen z.B. eine Partei sich in der Hitze der Verhandlung richtig aufregt, eine Verteidigerin todernst eine spitze Bemerkung macht oder ein Bauunternehmer sich mit einfallsreichen Methoden seinen Werklohn verschaffen möchte.

Die starke Dichte einer jeden Veranstaltung aufgrund ihrer Vielschichtigkeit - über eigene und fremde Interessen, Ziele und Emotionen nachzudenken, die Erfahrungen der Beteiligten zu vergleichen, immer unter Berücksichtigung der jeweiligen prozessualen Gegebenheiten - bewirkt eine intensive Auseinandersetzung der Teilnehmenden mit Ideen, Anregungen und Problemlösungen in Bezug auf Verhandlungen auch über die jeweilige Veranstaltung hinaus, die sich nicht zuletzt in zahlreichen anschließenden Gesprächen fortsetzt. Am Ende stehen ein vertieftes Verständnis für schwierige Situationen sowie viele neue Denk- und Lösungsansätze für künftige Verhandlungen, einhergehend mit gewinnbringenden Einblicken in den Richterberuf im Allgemeinen und im Besonderen.

Aktuelles in Kürze:

Termine:

Freitag, 25.10.2019 (Zivilrecht)

Donnerstag, 12.12.2019 (Strafrecht)

Freitag, 21.02.2020 (Zivilrecht)

jeweils um 14:00 Uhr (bis maximal 16:30 Uhr)


Ort: Gerichtslabor der Juristischen Fakultät der Georg-August-Universität

Göttingen, Verfügungsgebäude, Universitäts-Campus,

Platz der Göttinger Sieben 7


Ansprechpartnerin: Intervisorin Frau Richterin am Landgericht Dr. Gesine Weinrich


Gerichtslabor der Juristischen Fakultät der Universität Göttingen
 
Gerichtslabor
zum Seitenanfang
zur mobilen Ansicht wechseln